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Diskussionsforum zum Buch Anastasia von Wladimir Megre

Schule als Kraftort

Gepostet von: Philipp <phil999@bluewin.ch>
Datum: 17 Oktober 2004

gleich anfangs möchte ich vorwegnehmen, dass der Inhalt dieser Nachricht nichts mit Anastasia zu tun hat.
Dennoch passt es hierhin, da die Erziehung ein sehr, sehr wichtiges Thema ist. Am 6.November 2004 findet in Zürich eine Veranstaltung statt, die allen Anastasia-LeserInnen von Bedeutung sein könnte.

Schule als Kraftort

Nach PISA: Schule wohin?
Was ist ein Kraftort? Ein Ort, wo Kraft ist, die, wenn wir dafür offen sind auf uns überspringt. - Das ist die Schule (noch) nicht!
Für manche Kinder ist Schule heute:
- ein angstbeladener Raum, vielleicht gar ein Ort des Schreckens („Schule kann einem das Leben kaputt machen!“, Aussage eines 9jährigen Mädchens)
- ein Ort, an dem Kinder „daran gewöhnt werden, Langeweile zu ertragen“
(Fritjof Bergmann)
- ein Ort der Leere, anstatt der Lehre!,
- ein Ort, wo Kinder auf ihre Defizite reduziert gesehen werden und sich als Menschen, wie sie nun einmal sind, kaum angenommen, geschweige denn respektiert fühlen,
- ein Ort an dem viel „Druck“ und wenig „Sog“ erzeugt wird
...
Ich habe eine Vision von Schule. Und damit liege ich im Trend. In Wirtschaftskreisen weiss man heute um die Wichtigkeit von Visionen. Gerade in Krisenzeiten sind sie unverzichtbar.
Wer Visionen hat, glaubt an die Zukunft, an die Veränderbarkeit der Welt.
Vielen Lehrpersonen fehlt es heute an Visionen. Das lässt Schule oft so saft- und kraftlos erscheinen. Und in einem derart perspektivelosen Umfeld sollen Kinder gross werden?
Gross, stark, mutvoll und lebensfroh? Wie manche Schule lebt – als notwendiges Übel – freudlos vor sich hin? Wo bleibt die allseits beflügelnde Begeisterung, der frische Wind in unseren Schulen?
Also: Keine Schule ohne Visionen! Denn eine Schule ohne Visionen ist eine Schule ohne Zukunft. Und eine solche wollen wir keinem Kind zumuten.
Mit jeder Kindergeneration ist der Welt ein Riesenpotential geschenkt. Was machen wir daraus?
Schulen im Reformstau!
Eine Umfrage bei Lehrpersonen betreffend ihre berufsbedingte Belastung ergab unlängst:
An erster Stelle werden da die „schwierigen Kinder“ genannt. An zweiter die ewigen Reformen! Von „Reformitis“ reden entnervte Lehrerinnen und Lehrer heute schon.
Gegen Reformen, gegen einen beständigen Wandel der Schule, wäre natürlich gar nichts einzuwenden, solange er der Initiative des einzelnen Lehrers, der einzelnen Lehrerin entspringt. Das ist aber leider in der Regel nicht der Fall. Es sind von oben herab verordnete und damit aufgezwungene Reformen. Das kann nicht gut gehen. Die Initiativkraft des einzelnen Lehrers, der einzelnen Lehrerin wird damit korrumpiert. Lehrkräfte fühlen sich zu recht zu Vollzugsbeanten degradiert uns entmündigt.
Die Fakten sprechen da eine unmissverständliche Sprache:
- 90% der Lehrerinnen und Lehrer drehen ihrem Beruf nach einer durchschnittlichen
Verbleibdauer von nicht einmal sechs Jahren für immer den Rücken zu
(Die Ausbildungskosten für einen Primarlehrer belaufen sich in der Schweiz
immerhin auf ca. Fr. 200 000.-).
- Ein Grossteil der im Beruf stehenden Kolleginnen und Kollegen leidet an psychosomatischen Beschwerden.
- Fast alle beklagen sich gegenüber dem Übermass an Erwartungen seitens der Eltern.
Die Aufzählung könnte beliebig ergänzt werden.
Da kann etwas nicht stimmen.
Und die Kinder, wie geht es ihnen?
Wir unterschätzen ihre Not nach meiner Einschätzung bei weitem.
- Alle 78 Sekunden will sich ein Kind in dieser Welt das Leben nehmen.
- Nahezu die Hälfte der Zeit, die Schulkinder zuhause verbringen, sind sie alleine.
(Remo Largo meinte unlängst: Kinder, auch Jugendliche dürften überhaupt nicht alleine sein.)
- Mit 12 Jahren hat ein Kind ca. 9000 Stunden in der Schule und 25 000 Stunden vor der Glotze verbracht. Bei einer Grosszahl der Kinder ist, laut neusten Untersuchungen, der Sehwinkel heute auf 70 Grad reduziert. Normal wären: 220 Grad.! Das Fernsehen darf als Kreativitätskiller Nummer eins betrachtet werden.
- Ein Vater spricht heute – im Durchschnitt - noch ganze 20 Minuten täglich mit seinen Kindern
- In Deutschland hat man unlängst festgestellt, dass 60% der Schulanfänger Haltungsschäden aufweisen, dass bei 40% der Kinder der Kreislauf geschwächt ist.
- Bei über 50% der Kinder wird ausserdem vor Schuleintritt eine Sprachstörung diagnostiziert!
- An die 60% der Zweitklässler kommen (in der Stadt Zürich) – ohne Nachhilfe – nicht mehr über die Runden!
- Der Anteil an sogenannt „schwierigen Kindern“ nimmt beständig zu. Auch die Anzahl derer, die Schule schlechthin verweigern. (Wohlgemerkt: In ausserschulischen Projekten – im Wald, auf dem Bauernhof ... – sind sie ganz unauffällig, leben förmlich auf! In der Schule werden sie – mit gewaltigem Aufwand – zurechtgebogen, was aber in vielen Fällen gar nicht mehr gelingt. Manche werden schlussendlich „ausgemustert“ und in Sonderklassen oder Heime abgeschoben.)
Alle Pädagogik muss heute den heilenden Ansatz ins Zentrum rücken, wenn sie nachhaltig, sprich präventiv wirken soll.
Was die sehr ernüchternden Resultate der PISA-Studie – aus meiner Sicht – an den Tag legen: In manchen Schulen Europas ist es kalt geworden.
Kinder gedeihen nur, wenn ihnen ein gewisses Mass an Wärme (Geborgenheit, Zuwendung, Aufmerksamkeit) zukommt. Geht ihnen dies ab, gerät auch das Lernen ins Stocken.
Lernstörungen treten praktisch immer erst auf, wenn im Umfeld der Kinder etwas nicht stimmt. Und wenn jetzt bloss die Störung wegtherapiert wird, ist dem Kind nicht geholfen.
In manchen Schulen ist es kalt geworden, in manchen Elternhäusern auch!
Was nun? Da muss die Schule in die Lücke springen. Wer denn sonst.
Wer heute gut hinschaut, weiss, dass es in Anbetracht der gegebenen Umstände nur eine Schulform gibt, die die Not lindern kann:
Die Tagesschule, die Gesamtschule. Schule als Grossfamilie. Ein Ort, den Kinder immer dann aufsuchen können, wenn es um sie „kalt“ wird. Ein Ort, der für Geborgenheit, Verlässlichkeit, Sicherheit und - Ruhe steht. Der familiäre Alltag ist für viele Kinder turbulent genug.
Ich plädiere hier für eine neue Schulkultur!
Nach PISA aber reden fast alle von Veränderungen der Schulstrukturen. Das ist Kosmetik.
Nicht mehr. Wir haben über Jahrzehnte – äusserlich - an der Schule herumgeflickt.
Und ihr geht es immer schlechter. Sie hat ausgedient, die alte Schule. Ein Neubau steht an.
Schule muss in der Tat ganz neu werden. Von der Basis auf. Und da, an der Basis sind die Lehrerinnen und Lehrer und die Eltern. In ihre Hände ist die Neugestaltung der Schule vertrauensvoll zu legen. Das heisst: Befreiung der Schule von der staatlichen Aufsicht. Abschaffung der verbindlichen Lehrpläne. Gleichstellung der Alternativschulmodelle mit der sogenannten „Staatsschulpädagogik“, Befreiung der Lehrer von sämtlichen Zwängen.
Der Wegfall dieser Einschränkungen wird eine wahrhafte „Entfesselung“ ihrer Kräfte mit sich bringen. (Hogeforster, „Die Zeit“)
Damit hat Finnland schon in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ernst gemacht. Heute stehen das Land in der PISA-Studie ganz oben.
Ein weiteres, was eine zukunftsvolle Schule braucht:
Kunst und Handwerk müssen als wesentliche Mittel zur Emporbildung des Menschlichen schlechthin ihren festen Platz im Fächerkanon erhalten. Nicht als Ausgleich zum Kognitiven. .
Kunstunterricht als Allerheilmitel in einer rundum heillosen Zeit. Als das Mittel zur Individualisierung und Erziehung zur Innerlichkeit, als wesentliche Hilfe auf dem Weg zu sich selbst.
Gegen die Verschulung der Kindheit
Zudem gilt es mit grosser Wachheit zu verhindern, dass es zu einer Verschulung der Kindheit kommt. Wir ruinieren damit in dramatischem Ausmass die seelisch-leibliche Gesundheit der Kinder wie eine Vielzahl von Studien weltweit unmissverständlich belegt.
England, das die frühe Einschulung seit Jahrzehnten kennt, beklagt zur Zeit ein veritables „early-childhood-desaster“ und will nunmehr wieder später einschulen.
Dass gerade als Folge des PISA-Schocks allenthalben der Schrei nach „früher ran!“ (die frühere Einschulung ist damit gemeint!) ertönt, ist in Anbetracht dessen besonders fatal.
Schliesslich sei noch die ressourcen- anstatt defizitorientierte Schule gefordert.
Sie nimmt Abstand von der Vorstellung der Schule als Reparaturwerkstatt und billigt jedem Kind seinen eigenen Weg zu. Jede normative Pädagogik verkennt das Kind als Individuum.
„Vergleiche nie ein Kind mit einem andern!“ (Pestalozzi)
(Remo Largo wurde unlängst gefragt, in welchem Alter Kinder heute denn lesen lernten.
„Zwischen drei und dreizehn!“ – „ Aber wann normalerweise“, wurde nachgedoppelt. Largo: „Zwischen drei und dreizehn.“)
Schule „live“ oder „online“?
Ein letztes: Hartmut von Hentig spricht in seinem neuen Buch vom dem „nicht ganz allmählichen Verschwinden der Wirklichkeit aus den Schulen“. Und er macht dafür insbesondere das Überhandnehmen der Medien im Schulalltag verantwortlich.
„Schulen ans Netz!“ heisst da die Parole. An welches ist nur die Frage?
Ich meine : Ans Lebensnetz!

Wie sollen Kinder damit umgehen, sie, die sich doch immer und überall nur das eine suchen:
Das unmittelbare Leben. Finden sie es nicht, hat ihr Suchen kein Ende und die Sucht ist nahe.
Daniel Wirz, Zug (CH)

6. November in Zürich
Schule als Kraftort
Nach PISA: Schule wohin?
Impulsreferate, Podium, Workshops mit
Hansueli Albonico, Ruth Hofmann, Remo H. Largo, Thomas Marti und Albert Schmelzer
Jubiläumsveranstaltung
30 Jahre FPA

arbeitskreis.ch

gasserschule.ch

energon.ch

mit-kindern-wachsen.de

neuearbeit-neuekultur.de

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